Ostreise 3 – Zwei Welten

Manche Tage finden in zwei verschiedenen Welten statt. Dieser hat mit Familie in Berlin begonnen und endet nun alleine in Oranienburg. Ich verbringe die Nacht in einem kleinen Hotel, um morgen früh in den Bus nach Insterburg zu steigen.

Doch immer der Reihe nach. Wie geplant kamen heute der Fernsehturm und die Siegessäule an die Reihe. Im Gegensatz zum Brandenburger Tor, das in Wirklichkeit kleiner ist, als man es sich üblicherweise vorstellt, ist der Fernsehturm, wenn man oben ist, deutlich höher als von unten betrachtet. Dafür hat man dann aber wirklich einen sehenswerten Rundumblick auf ganz Berlin. Kein billiges Vergnügen, aber es hat sich gelohnt.

Um die Siegessäule zu erklimmen, muss man im Gegensatz zum komfortablen Aufzug im Fernsehturm, ziemlich viele Stufen steigen. Meine Zählung liegt bei 282, kann aber sein, dass sie durch den Gegenverkehr oder plappernde Kinder verfälscht wurde. Oben dann Sardinenbüchsengefühl, aber wir werden mit einer frischen Brise und wiederum mit einem imposanten Ausblick belohnt.

Den Abschluss unseres Berlin-Wochenendes bildet ein spätes Mittagessen auf dem Hackeschen Markt. Sehr schöner Platz mit Flair und gastronomischen Angeboten, die keinen Wunsch unberücksichtigt lassen. Einzig die Berliner in Lederhosen im Weihenstephaner Biergarten nebenan sind etwas kurios 😉

Dann ab zum Hauptbahnhof. Die Familie setzt sich in den ICE Richtung Heimat, ich in den Regionalexpress Richtung Rostock – steige aber schon in Oranienburg wieder aus. Ein kurzes Stück noch mit dem Bus und ich bin in einem Vorort in einem kleinen Hotel. Hier verbringe ich die Nacht und warte auf den Beginn der Reise morgen früh.

Die Ablenkung, die Berlin geboten hat, ist vorbei – spätestens seit ich im Regionalexpress sitze. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich mit mir zu beschäftigen und dem, was ich – bildlich gesprochen-  mit nach Insterburg nehme, um es dort zu lassen und dem, was ich von dort mit nach Hause zurück zu nehmen hoffe. Vermutlich wird es eine eher anstrengende, traumreiche Nacht …

Das Wochenende in Berlin war wunderschön, aber anstrengend. Und da ich vermutlich noch einige Kraft in den kommenden sieben Tagen brauchen werde, lasse ich es für heute gut sein.

Viktoria auf der Siegessäule

Ostreise 2 – Berlin

Meine eigentliche Reise gen Osten beginnt, wie geschrieben, erst am Montag. Sie hatte in den letzten Wochen schon auf vielen Ebenen ihre Schatten vorausgeworfen, doch momentan bin ich relativ entspannt, was sicherlich auch an den vielen Ablenkungen liegt, die Berlin zu bieten hat.

Nachdem wir gestern den halben Tag, den wir nach unserer Ankuft mit der Bahn hatten, für eine Bootstour auf der Spree und einige ausgewählte Ziele verwendet haben, haben wir uns heute die volle Dröhnung gegeben. Hop On/Hop Off Tour mit dem Bus entlang einer Route mit 18 Stationen, die quasi alles, was man als 08/15 Touri in Berlin gesehen haben sollte abdeckt. Wir verkneifen uns, jede einzelne der Stationen mitzunehmen, sonst wären die Kinder sicher Amok gelaufen 😉 Aber ein paar Stationen müssen schon sein: Brandenburger Tor und Regierungsviertel, Kurfürstendamm und Checkpoint Charlie. Alexanderplatz und Friedrichstraße sowie den wunderschönen Gendarmenmarkt haben wir gestern schon besucht.

Was mir an Berlin auffällt ist, dass das Großstadtflair (im negative Sinne) fast weitestgehend fehlt. Viel Grün, wenig Verkehr. Tonnen von Touristen, die aber alle irgendwie entspannt sind. Cool, und ich komme nicht umhin anzufangen, Berlin wirklich zu mögen 🙂  Für meinen Geschmack etwas zu entspannt sind lediglich die unglaublich vielen, den Junggesellenabschied feiernden, Grüppchen, die lauthals schreiend und marodierend durch die Innenstadt ziehen, teils zu Fuß, teils auf eigens angemieteten mit Pedalen betriebenen Spaßmobilen für die ganze Gruppe. Alleine heute haben wir mindestens fünf davon gesehen. Ungewohnt, aber das gehört wohl zur großen Stadt dazu. Obgleich ich mich schon frage, ob es immer so ist, oder ob wir einfach ein besonderes Wochenende erwischt haben.

Gestern schon haben wir Abendessen auf dem Gendarmenmarkt eingenommen, heute sind wir genau wieder dorthin zurückgekommen. Dieser Ort hat es mir irgendwie angetan. Nicht nur die Gebäude sind wunderschön dort, auch die Energie ist sehr angenehm und wohltuend. Ich frage mich, ob es sich nicht in irgendeiner Form um einen Kraftplatz handelt … immerhin stehen auch zwei Kirchen darauf.

Für heute reicht es uns dann. Tropische Temperaturen und den ganzen Tag auf den Beinen. Immerhin hat es heute abend angenehm abgekühlt, so dass wir die berechtigte Hoffnung auf einen halbwegs gesunden Schlaf haben. Morgen steht noch ein halber Tag Berlin an, dann setze ich die Familie in den Zug und mache mich auf zu meinem Hotel, von dem ich dann am Montag früh die eigentliche Reise beginne.

Brandenburger Tor

Ostreise 1 – Zeitreise

Oft tut es gut, in die eigene Vergangenheit zu reisen, und Orte und Plätze aufzusuchen, mit denen man Erfahrungen verbindet – gute oder schlechte. Manchmal ist es aber auch notwendig noch weiter, in die Vergangenheit der eigenen Familie zu reisen, um zumindest zu versuchen, Dinge zum Abschluss zu bringen, die so lange Zeit offen waren. Ganz besonders, wenn man Vertreibung und Flucht im System seiner Herkunftsfamilie hat.

Das Buch „Nebelkinder“ war es, das bei mir das Knöpfchen gedrückt hat, und so habe ich mich auf die Reise gemacht, um Ostpreußen, die Heimat meiner Großmutter und ihrer Vorfahren zu besuchen.

Ostpreußen, ehemals Teil des preußischen und später des Deutschen Reichs, wurde nach dem 2. Weltkrieg im Wesentlichen zwischen Polen und Russland aufgeteilt. Im russischen Teil, in der heutigen Oblast Kaliningrad, liegen Königsberg (Kaliningrad), Insterburg (Tschenjachowsk) und Tilsit (Sowjetsk). Dorthin wird mich meine Reise führen.

Insterburg ist dabei mein eigentliches Ziel, denn dort wurde meine Großmutter geboren und von dort musste sie 1945 als junge Frau ohne Eltern, dafür mit zwei Geschwistern fliehen. Ich kenne einige Adressen von damals, und ich will die Orte aufsuchen, an denen meine Vorfahren bis 1945 gelebt haben.

Nachdem das Buch „Nebelkinder“ wie gesagt bei mir auf das Knöpfchen gedrückt hat, war es nur ein kleiner Schritt, im Internet einen Hinweis auf eine Gruppenreise zu finden und Kontakt aufzunehmen. Alleine nach Russland – das wäre aufgrund der etwas schwierigen politischen Situation eine Herausforderung gewesen. Aber auch der Status des ehemals nördlichen Ostpreußens hätte es nicht leichter gemacht.

Die heutige Oblast Kaliningrad ist eine Exklave, das heißt, obwohl sie zur Russichen Föderation gehört, hat sie keine Landverbindung zum russischen Staatsgebiet und wird von Litauen und Polen umschlossen. Nach dem 2. Weltkrieg war die Oblast militärisches Sperrgebiet und man kam nur mit Sondergenehmigungen hinein. Das hat sich erst in den 90er Jahren geändert, woraufhin ein reger Reiseverkehr ehemals Vertriebener einsetzte, die die alte Heimat wiedersehen wollten. Auch wenn die große Welle inzwischen abgeebbt ist, gibt es immer noch regelmäßige Touren dorthin.

Die Gruppe, der ich mich angeschlossen habe, beginnt ihre Reise in Ostwestfalen und fährt über Berlin und Polen nach Kaliningrad. Da hat es sich angeboten, die Familie einzupacken, das Wochenende in Berlin zu verbringen und dann am Montag in den Bus Richtung Osten einzusteigen. Und genau da sind wir jetzt: in Berlin.

Ich werde in den nächsten Tagen mein Reiseblog fortführen – weniger über Berlin sondern hauptsächlich über die Reise nach Osten, in die Vergangenheit meiner Familie. Für heute mache ich erstmal Schluss und wir versuchen in der HItze des Sommers ein wenig Schlaf zu bekommen, damit wir morgen die Sehenswürdigkeiten der Stadt unsicher machen können.

Fernsehturm Berlin