Panem et circenses im 21. Jahrhundert

Ich war letztens in Rom und konnte das Kolosseum bewundern, in dem die Mächtigen damals, dem Prinzip „Panem et circenses“ (Brot und Spiele) folgend, das Volk beschäftigten, um es vom Revoltieren abzuhalten.

Als ich heute den Post eines öffentlich-rechtlichen Senders auf Facebook gesehen habe, der, hart an der Grenze zum Boulevardjournalismus, auf einen Vollpfosten hinweist, der mit einem dummen Video einen Shitstorm ausgelöst hat, konnte ich nicht anders, als mich wieder an eben dieses Prinzip erinnert zu fühlen. Nachdem wir zumindest in der westlichen Welt inzwischen „Panem“ im Überfluss haben, ist es wohl wieder an der Zeit für „Circenses“, um die Emotionen des Volkes in eine für die Mächtigen ungefährliche Richtung abzuleiten.

Wenn Menschen ihre Energie immer wieder darauf verwenden, ihren Emotionen aufgrund von vollkommen irrelevanten Dingen in den sozialen Medien in Shitstorms freien Lauf zu lassen, dann sind sie den Rest der Zeit schön brav und regen sich nicht über die wirklich bösen Dinge auf, die ihnen von Seiten der Politik und der Wirtschaft angetan werden. Ziel erreicht.

Der Teil von mir, der sich vorstellen kann, dass an Verschwörungstheorien auch immer ein wahrer Kern ist, sieht dann vor seinem inneren Auge bezahlte Meinungsmacher und Brandbeschleuniger vor ihren Tastaturen sitzen, die mit gelangweiltem Blick Öl ins Feuer gießen – so wie man das in den schlechten Filmen früher immer bei den Damen von der Telefonsex-Hotline gesehen hat.

Raum für Verschwörungstheorien

Non, je ne suis pas Charlie Hebdo – aber auch ich finde es erschreckend, was da in Paris passiert ist. Und über die Ebene des persönlichen Schocks und Traumas hinaus, die die Anwesenden und die Angehörigen erlitten haben, ist dieses Ereignis Wasser auf den Mühlen beider Seiten des Fanatismus: der Islamisten und derjenigen, die glauben sie bekämpfen zu müssen.

Und zwischen beiden Fronten stehen die geschätzt 99 % der „Normalen“, die einfach nur ihr Leben leben und dabei glücklich sein wollen. Diejenigen, denen es wurscht ist, zu welchem Gott ihr Nachbar betet, solange er sich an die Hausordnung hält.

Eine wichtige und intelligente Frage bei Ereignissen dieser Art ist immer diese: „Wem nützt das?“ Schwierig zu beantworten, und ich will nicht versuchen, dies hier zu tun. Aber sicher ist eines: Alle, die davon profitieren, Hass und Angst zu schüren, reiben sich gerade die Hände.

Ein Satz in der Berichterstattung auf Spiegel Online hat mich stutzig werden lassen:

„Die mutmaßlichen Attentäter haben auf der Flucht offenbar einen schweren Fehler gemacht und die Sicherheitskräfte so auf ihre Spur gebracht. Wie die Zeitschrift „Le Point“ und die Zeitung „Le Monde“ schreiben, vergaß einer der beiden seinen Personalausweis im Fluchtwagen, als die Verdächtigen am Rande der Hauptstadt das Auto wechselten.“

Echt jetzt? Wie praktisch, dass die Attentäter nicht nur ihre Visitenkarte, sondern gleich ihren Personalausweis haben liegen lassen. Das erinnert mich ein wenig an die Geschichte vom 11. September 2001, wo nach einem höllengleichen Feuer, das so heiß war, dass die Stahlgerüste der beiden Türme des World Trade Centers geschmolzen und dieselben kollabiert sind, ein unschuldiges (Papier-) Visum eines der Terroristen gefunden wurde, das wie durch ein Wunder das Feuer überlebt hat. Auch hier war es praktisch, dass man gleich wusste, wer hinter dem Attentat steckt.

Ich bin genauso wenig ein Freund von Verschwörungstheorien, wie ich den offiziellen Versionen solcher Ereignisse blind vertraue. Aber dass einer der Attentäter angeblich seinen Personalausweis im Fluchtauto liegen lässt, beleidigt meinen Intellekt.