Warum empfinden wir so viel Lust am Drama?

Als ich heute morgen das erste Mal ins Internet geschaut habe, sah ich verwundert direkt den Facebook Post einer Bekannten aus Hanau, dass sie „in Sicherheit“ sei. Kurz darauf habe ich dann gelesen, was gestern Abend in Hanau geschehen ist. Tragisch – keine Frage. Wenn der (mutmaßliche) Täter sich nicht schon selbst gerichtet hätte, müsste man ihn mit aller Härte des Gesetzes bestrafen.

Bereits heute morgen schwante mir auch, dass hier das nächste „große Ding“ für die Medien und die Politik passiert ist. Und erwartungsgemäß ist die Welle der Verurteilungen, Beileidsbekundungen, Facebook Bildern mit schwarzem Hintergrund etc. direkt losgegangen. Gleichzeitig wurde jedoch selbst von Menschen aus dem Mitte-Links-Spektrum in den Kommentaren und Posts ein Ton angeschlagen, der an Intensität fast ebenso radikal ist, wie das mutmaßliche Gedankengut des mutmaßlichen Täters.

Lange bevor selbst die Ermittler Klarheit haben, was genau warum geschehen ist, fällt das Wort „rassistischer Hintergrund“ woraufhin vehement die Einschränkung der Anonymität im Internet a.k.a. „Klarnamenpflicht“ gefordert wird. Mein recht neutral formulierter Hinweis darauf, dass es vielleicht besser wäre, erstmal die Ermittlungen abzuwarten, bevor man an Grundrechten herumschraubt, wird entsprechend der etablierten Diskussionskultur im Internet vorwiegend mit persönlichen Anfeindungen quittiert. Ein bisschen fühlt sich das an wie ein Lynchmob, der auf Blut aus ist. Und das ist die linke Mitte? Das sind die Leute, die studiert haben und eigentlich zur intellektuellen Oberschicht zählen sollten? Mir wird Angst und Bange!

Gleichzeitig sind die (sozialen) Medien voll von ausführlich zelebrierter Lust am Drama. Jedes Detail wird mikroskopiert, jede Vermutung bis zur ihrer Widerlegung als Fakt dargestellt. Es hat fast den Anschein, als hätte die Meute der Medienmacher und ihrer Konsumenten nur darauf gewartet, endlich wieder ein Drama vor die Füße geworfen zu bekommen, an dem sie ihre Sensationslust befriedigen können. Es ekelt mich an.

Wenn am Ende herauskommt, dass der Täter tatsächlich ein Fremdenhasser war, dann muss man über das Thema reden. Wenn sich herausstellen sollte, dass er nicht alleine war, dann muss der Staat Maßnahmen ergreifen, um seine Komplizen dingfest zu machen. Bis dahin halte ich jedoch Mäßigung für angebracht.

Und nur so am Rande gesagt: Wer glaubt, dass man extreme Einstellungen mit diametral entgegengesetzten extremen Einstellungen bekämpfen kann, der hat nichts verstanden. Das entspricht genau der Einstellung, dass man in den Krieg ziehen muss, um den Frieden zu wahren. In der „Liste der psychischen und Verhaltensstörungen nach ICD-10“ findet man das unter F20-F29: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen.

Das setzt dem Fass die Krone auf

Gerade habe ich einen Artikel auf www.migazin.de gelesen, der den bezeichnenden Titel trägt:

Ausgrenzende Frage: “Woher kommen Sie?“ – ein Beispiel für den alltäglichen Rassismus

Ähm, wie bitte? Zugegeben … als ich den Artikel gelesen habe, habe ich erwartet, dass sich am Ende Hape Kerkeling als eigentlicher Autor outet und das ganze als Satire entlarvt. Diese Hoffnung wurde leider bitter enttäuscht. Es hat sich auch kein anderer bekannter Spaßvogel zu diesem Artikel bekannt. Mir fehlen fast die Worte, diese (was ist die Steigerung von obsessiv?) Political Correctness noch zu kommentieren. Ich habe schon alle meine Superlative für die Debatte um das politisch korrekte Redigieren von Kinderbüchern verbraucht. Ich versuche es dennoch einmal. Ach ja … wer in meinen Kommentaren die eine oder andere Ironie findet, darf sie behalten 😉

„Menschen mit Migrationshintergrund“ werden in Deutschland durch die Frage „woher sie denn kommen“ zu „Fremden„ gemacht. Durch den unkritischen Umgang mit dieser Frage tragen viele von uns – auch Betroffene – zu dem Kreislauf des alltäglichen Rassismus und „Unterordnung“ der „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei.

Ok, verstanden. Wenn ich also einen Menschen frage, woher er kommt, dann bin ich zumindest latent ein Rassist und am besten auch gleich ein Nazi, weil ich ja den Wert des anderen durch diese hinterhältige und nur scheinbar harmlose Frage herabsetze. So habe ich das noch nicht gesehen …

„Woher kommen Sie?“ ist in den meisten Fällen, eine versteckte Form, Information über die ethnische Herkunft einer Person einzuholen. Sie sollen ihre ethnische Herkunft offenlegen!

Man beachte das Ausrufezeichen am Schluss. Wie kann ein politisch korrekter Mensch nur allen Ernstes von einem anderen fordern, seine ethnische Herkunft offenzulegen. Das steht direkt auf einer Stufe mit der Frage an eine Frau nach ihrer Körbchengröße … ach nee, das war ja Sexismus. Und selbstverständlich ist der Grund, warum ich einen „Menschen mit Migrationshintergrund“ (früher durfte man ja noch einfach „Ausländer“ sagen) nach seiner Herkunft frage der, dass ich ihn im Hinterkopf schon in eines der vielen neuen Konzentrationslager sortiere, die wir sofort errichten werden, wenn der (noch) latente Rassimus wieder aus uns hervorbricht.

Außerdem: Wir in Deutschland sind nicht gerade bekannt dafür, dass wir eine offene und neugierige Kultur pflegen. Wieso sind wir aber in Hinsicht auf diese spezielle Frage so „offen“? „Menschen mit Migrationshintergrund“ werden doch selten etwas gefragt.

Ah ja … da gibt es natürlich die tief in unseren Genen verwurzelte Regel, dass man nicht mit „Menschen mit Migrationshintergrund“ spricht. Wahrscheinlich, weil wir Angst haben, unrein zu werden oder uns mit was ganz Fiesem anzustecken.

Ein weißer Deutscher darf diese Frage wörtlich verstehen und hat das Privileg, den „Ort, woher er kommt“, selbst zu „bestimmen“. Ein Privileg, dass dem „Menschen mit Migrationshintergrund“ selten eingeräumt wird. Bei ihm wird die „Befragung“ mit hoher Wahrscheinlichkeit so lange fortgesetzt, bis aus seiner Antwort auch sein ethnischer Hintergrund hervorgeht bzw. der Fragesteller eine Antwort erhält, der sein Vorurteil befriedigt.

Mir fehlt die Kraft, das zu kommentieren …

Die Frage „Woher kommen Sie?“ ist nicht nur eine Frage, die den Teufelskreis vom Rassismus verstärkt. Sie bietet dem vermeintlichen Fremden auch eine Gelegenheit, den Teufelskreis vom Rassismus und Inferiorization zu brechen. Ihm wird eine Gelegenheit geboten, eine unerwartete Antwort zu geben und diese kulturell tief verwurzelte und gesellschaftlich akzeptierte Form des Rassismus herauszufordern.

Aha … das ist also die Lösung für das Problem. Einfach eine unerwartete Antwort geben. Wenn ich also einen Schwarzen (Entschuldigung: „Menschen mit Migrationshintergrund“) frage, wo er herkommt und er mit „Gelsenkirchen“ antwortet, dann bin ich sofort geläutert und der in mir wohnende, latente Rassismus, wird sofort getilgt. Ach ja: Inferiori … wie war das Wort? Oh Mann …

Zum Schluss fällt mir ein, dass die Bezeichnung „Mensch mit Migrationshintergrund“ eigentlich an sich auch schon abwertend ist. Sie unterstellt, dass das Gegenüber entwurzelt, aus seiner Heimat vertrieben, geflohen oder zumindest doch weggezogen ist – selbstverständlich mit allen negativen Folgen für die Psyche. So gesehen ist diese Bezeichnung eine gar nicht so latente Diskriminierung (und bestimmt auch Inferiorization, danke für das Wort) des anderen. Mein Lösungsvorschlag hierfür lautet, die Bezeichnung „Mensch mit Migrationshintergrund“ ebenso zu ächten wie schon alle ihre Vorläufer inklusive „Ausländer“, „Neger“, etc. und stattdessen auf das politisch noch viel korrektere „Mensch mit von mir aufgrund oberflächlicher Beobachtung angenommenem Migrationshintergrund“ umzustellen.

Das wird wohl dazu führen, dass solche unsäglichen Artikel noch ein wenig länger werden, aber man muss halt für die Political Correctness auch Opfer bringen.