Ohne (organisierte) Religion wäre die Welt besser dran

Wie ich schon bereits vor einiger Zeit geschrieben habe, gab es in der Reihe Disput\Berlin eine Veranstaltung mit dem schönen Titel „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“. Ich möchte ergänzen (wie es auch die erste Rednerin getan hat), dass es eigentlich heißen müsste: „Ohne organisierte Religion wäre die Welt besser dran“. Wie in anderen Artikeln bereits geschrieben, ist es meine Überzeugung, dass ein rein materialistisches Weltbild weder der erlebten Realität entspricht noch die Bedürfnisse des Menschen befriedigt. Es ist gesund, spirituell zu sein. Was jedoch vollkommen ungesund ist, sich einer institutionalisierten (organisierten) Religion anzuschließen. An deren Spitze sitzen nämlich auch nur Menschen – auch wenn sie behaupten die Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein – und die verfallen nur allzu leicht der Versuchung, ihre machtvolle Stellung zu missbrauchen. Die Geschichte der Katholischen Kirche ist quasi die Definition für das Konzept des Machtmissbrauchs durch organisierte Religionen …

Ich habe mir vor einigen Tagen das Video der kompletten Veranstaltung in Berlin angesehen und war währenddessen in allen möglichen Zuständen zwischen gebannt, fasziniert, abgestoßen und entsetzt. Die weiteren Teilnehmer, neben Philipp Möller, den ich schon in dem Kurzvideo gesehen habe, waren Necla Kelek, Alan Posener, Monika Frommel, Wolfgang Huber, Matthias Matussek, Gloria von Thurn und Taxis und Wilhelm Imkamp. Moderiert wurde die Veranstaltung auf pfiffige Art und Weise von Stefan Aust, dem ehemaligen Chefredakteur des Spiegels.

Die Diskussion war teilweise sehr hitzig und zwischendurch sogar vollkommen daneben, als nach einer zugegeben provokanten Bemerkung von Philipp Möller von den Vertretern der Contra-Seite die große böse Antisemitismus-Karte gespielt wurde. Vollkommen überflüssig. Ja – Philipp Möller hat Einstein zitiert, der sich gegen Ende seines Lebens vom „jüdischen Aberglauben“ losgesagt hat. Was Möller jedoch damit ausdrücken wollte ist, dass er jegliche organisierte Religion – also auch Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, etc. – für Aberglauben hält. Die Reaktion à la „gerade in einer Stadt wie Berlin darf man so etwas nicht sagen“ kam postwendend. Anscheinend ist es schon zu einem Reflex geworden, dass man draufhaut, wenn das Wort jüdisch oder Judentum in einem Satz vorkommen, der nicht entweder positiv oder zumindest neutral ist.Vollkommen unnötig!

Die Charaktere dieses Events waren teilweise so schillernd, dass ich hier nun nicht umhinkomme, meine persönlichen Eindrücke niederzuschreiben. Trotzdem (und gerade deswegen) möchte ich jeden Leser, der sich für das Thema interessiert, auffordern, sich selbst ein Bild zu machen.

Philipp Möller, Lehrer und Pressesprecher der Bruno Giordano Stiftung: Machte mit Abstand den inteligentesten und brilliantesten Eindruck. Klare Thesen, klare Aussagen, wohldosierte Provokationen. Toll.

Necla Kelek, Soziologin und Islamkritikerin: Diffuse Thesen. Mir ist nur selten klar geworden, auf was sie eigentlich raus wollte. Grundsätzlich kann ich vielem, was sie gesagt hat zustimmen aber insgesamt war sie mir zu unklar.

Alan Posener, Journalist und Blogger: Ist schreibend definitiv besser als redend. Sorry, aber durch das Gestammele während des Vortrags und der Diskussion ist seine Aussage fast vollständig verloren gegangen. Nur in einigen wenigen Momenten ist es ihm gelungen, seine Botschaft zu transportieren. Schade.

Monika Frommel, Juristin und Professorin:Hat definitiv zu lange im juristischen Mikrokosmos gelebt. Wenn sie nur einen Bruchteil der Klarheit und Prägnanz von Möller besessen hätte, wären ihre Thesen vielleicht interessant gewesen. So kam letztlich nur fahles Juristen-Sprech rüber.

Wolfgang Huber, Theologe und evangelischer Bischof: Man merkt ihm seine rhetorische Ausbildung an. Von den beiden anwesenden Kirchenmännern war er definitiv der angenehmere. Er ist bei seinem Vortrag leider zu sehr ins Predigen geraten. Ich denke, er ist seiner Rolle als Vertreter der Kirche gerecht geworden – nicht mehr und nicht weniger.

Matthias Matussek, Journalist beim Spiegel:Was bitte war denn das für eine Vorstellung? Eigentlich habe ich sein Videoblog auf Spiegel Online ganz gerne gesehen. Was er hier aber als Religionsbefürworter abgeliefert hat war unbrauchbar. Viele Zitate, wenige klare Thesen. Sehr nebulös das Ganze …

Gloria von Thurn und Taxis, adlige Unternehmerin:Oh mein Gott. So einen peinlichen Auftritt habe ich ja noch nie gesehen. Ihr Vortrag bestand aus verschwurbelten Zitaten eines von ihr über den grünen Klee gelobten, lange verstorbenen Papstes. Vollkommen daneben, ebenso wie ihre (gottseidank nur gelegentlichen) Einwürfe in die Diskussion. Als sie dann noch anfing zu singen hätte ich tatsächlich fast ausgeschaltet. Bitte liebe Fernsehmacher: Erspart uns diese Frau!

Wilhelm Imkamp, Theologe: Als er anfing zu reden wurde mir richtig gruselig. Ich kann mir die dunkelsten Kapitel der katholischen Kirche bildlich vorstellen, wenn ich ihn reden sehe. Vor meinem geistigen Auge erscheinen dann die Großinquisitoren, die „im Namen Gottes“ mit Worten und Taten gemordet haben. Sicherlich ein brillianter Redner, aber was er gesagt hat ist meiner Ansicht nach hoch gefährlich. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an seinen Auftritt denke.

Die Abstimm-Spielchen (auf Neudeutsch „Voting“) mit dem Publikum während der Sendung waren letztlich hochgradig überflüssig und insgesamt hinterlässt die Veranstaltung gemischte Gefühle bei mir. Das Highlight war tatsächlich der Eingangsvortrag von Philipp Möller, den Rest kann man sich ansehen oder es auch sein lassen.

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