Katastrophenvoyeurismus

Wieder ist etwas Schreckliches passiert und wieder überschlägt sich das Netz. Schon wenige Minuten nach den Explosionen sind die ersten Bilder und Videos in den Social Networks zu finden. Trümmer, Qualm, verstörte Menschen.

Die Journalisten sind nur allzu begierig, die angeborene Sensationslust der Menschen im Stakkato mit Livestreams und Tweets aus Brüssel zu befriedigen. Da werden Bilder von Menschen gepostet, die entgegen jeder Vernunft zu Fuß auf der Autobahn vom Anschlagsort fliehen, nur um zu belegen, dass sich Belgiens Hauptstadt im Ausnahmezustand befindet. Als ob wir das nicht auch so gewusst hätten. Spiegel Online postet auf seiner Facebook Seite ein direkt nach der Explosion aufgenommenes Amateurvideo, das vorab eine Warnung enthält: „Warnung: Das folgende Bild- und Tonmaterial kann auf manche Zuschauer verstörend wirken“. Fast hat man den Eindruck, das sowohl die Berichtenden als auch die Konsumierenden nur darauf gewartet haben, endlich wieder den Nervenkitzel einer Katastrophe zu spüren. Wahrscheinlich ist auch deshalb kaum etwas von sachlicher, unaufgeregter Berichterstattung zu spüren. Alle sind im Katastrophenfieber.

Im Verlauf des Tages kommen dann im TV die „Experten“ zu Wort, die uns erklären, warum wir alle jederzeit und überall potenzielle Anschlagsopfer sind, während sich in Facebook, Twitter & Co. die in solchen Fällen immer zu findenden Hauptströmungen austoben: Plakativ demonstrierte Betroffenheit à la „Je suis …“ und rechthaberische Hetze im Stil von „Ich hab’s ja gesagt: Der Islam ist gefährlich“ – und alle dunkelhäutigen Menschen mit Bart sollte man am besten gleich wegschließen, ausweisen oder noch Drastischeres.

Reflexartig geschieht nach Anschlägen, Naturkatastrophen oder anderen Ereignissen mit großem „medialen Potenzial“ immer das Gleiche: Wir werden überflutet mit Bildern und Tönen vom Ort des geschehens – in Farbe und wahrscheinlich demnächst auch 3D – und viel zu viele sitzen vor ihren Geräten, lassen sich berieseln und genießen den Nervenkitzel mit dem wohligen Gefühl im Bauch, dass es sie ja (wieder) nicht erwischt hat.

Auf meinen Kommentar zu einem Bild, das ein zum Tatort eilender Reporter getwittert hatte und das mich zu der Aussage „Katastrophenvoyeurismus“ verleitete, erhielt ich die Antwort, dass es dokumentiert werden müsse, wenn die Situation eine solche Dimension erreicht habe, dass es offensichtlich keine funktionierenden Verkehrsverbindungen mehr gibt. „Muss“ das wirklich von Journalisten in den sozialen Netzwerken dokumentiert werden? Nutzt das den Menschen? Oder würde es nicht ausreichen, wenn man, nachdem sich die ersten Wogen geglättet haben, im Nachhinein reflektiert und sachlich darüber berichtet. Auf jeden Fall zeigt es, dass die Berufsjournalisten die Lust an der Katastrophe leider bereits genauso verinnerlicht haben, wie ihr sensationsgieriges Publikum.

Ich selbst bin ein großer Fan von Internet und sozialen Netzwerken. Ich denke, dass die heute nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der Kommunikation das Potenzial haben, die Welt zum Besseren zu verändern. Wie bei jeder neuen Technologie braucht es jedoch Zeit, bis sich die Gesellschaft mit ihren Wertvorstellungen daran angepasst hat, bis etabliert ist, was akzeptabel und was nicht mehr akzeptabel ist. Momentan sind die meisten im Rausch der sekundenaktuellen Bilder und Töne, einfach nur, weil es jetzt möglich ist. Es gibt jedoch Situationen in denen es besser wäre, das multimediale Ventil ein wenig zu drosseln, bis sich die Lage beruhigt hat. Brüssel wäre ein solcher Fall gewesen.

Meine eigene Konsequenz gestern war es, darauf zu verzichten, die mediale Flut zu konsumieren. Wenn sich die große Aufregung gelegt hat, werde ich mir eine Quelle suchen, in der ich die Fakten nachlesen kann. Und in der Zwischenzeit werde ich mein Leben leben, ohne meine Betroffenheit (die ich durchaus spüre) in die Welt zu schreien oder rechte Parolen (die ohnehin nicht meinem Weltbild entsprechen) zu verbreiten. Ich habe schon vor langer Zeit für mich entschieden, dass es oft gesünder ist, Medien dosiert zu konsumieren – vor allem hilft es mir aber dabei, mein Leben mit viel weniger Angst zu leben, denn (wie ein schöner Spruch auf Facebook letztens proklamiert hat): 99% der Dinge, um die wir uns Sorgen machen, werden niemals geschehen.

P.S.: Da ich persönlich nichts tun kann, um den betroffenen Menschen in Brüssel direkt zu helfen, leiste ich meinen Beitrag, indem ich dafür sorge, dass ich keine Angst habe, denn das ist eines der Hauptziele solcher Attentäter.

Über die Verhinderung terroristischer Anschläge

In Frankreich wurde ein mutmaßlich terroristischer Anschlag verhindert. Nur mal so am Rande: Es war weder die Vorratsdatenspeicherung, noch Kameras noch irgendwelche andere „Segen“ des Überwachungsstaates, die dafür gesorgt haben, dass nichts (Schlimmeres) passiert ist. Es war ein glücklicher Zufall.

Ich lass‘ das jetzt mal so für sich alleine stehen.

Bin auch ich Charlie?

Unter dem Eindruck des „Je suis Charlie“-Phänomens habe ich eine ganze Weile überlegen müssen, ob ich mich dazu äußern will oder nicht. Massenbewegungen, ja man könnte fast „Hysterien“ sagen, waren mir schon immer suspekt und meistens suche ich eher das Weite, wenn sich die Menge in Bewegung setzt. Ich habe mich dennoch entschieden, mein Blog dazu zu nutzen, um meinen Senf dazuzugeben. Vielleicht werde ich dafür gesteinigt, vielleicht kann ich aber auch den einen oder anderen dazu bewegen, manche Dinge kritisch zu hinterfragen, anstatt sie unreflektiert nachzuplappern.

Um Vorab eines ganz klar gesagt zu haben: Gewalt lässt sich durch nichts rechtfertigen oder entschuldigen. Das Attentat auf die Charlie Hebdo Redaktion war ein feiger Anschlag auf wehrlose Menschen. Ohne Wenn und Aber.

Was mich beschäftigt ist hingegen die Frage, ob auch ich Charlie bin. Mein Mitgefühl gilt den Opfern und vor allem auch den Hinterbliebenen und Kollegen. Aber möchte ich mich mit der Institution dieses Magazins solidarisieren oder sogar identifizieren?

Ich muss zugeben, bis gestern hatte ich mir die Inhalte des Magazins nicht wirklich angesehen. In den Medien hört man immer von „frecher Satire“ – da denke ich zuerst mal an Titanic und Konsorten. Keine Frage, dass auch ich mich hinter Titanic stellen würde (alleine schon aus Gründen der Meinungs- und Pressefreiheit), wenn denen jemand ans Leder wollte.

Durch einen Beitrag von Felix R. Paturi auf Facebook bin ich jedoch neugierig geworden und habe mir via Google mal die Titelbilder von Charlie Hebdo angeschaut, die so im Netz herumspuken. Oft geht es dabei um Kirchen und Religion – Christentum, Judentum und Islam sind allesamt im Zielkreuz.

Ich selbst gehöre keiner organisierten Religion an und bin kein Freund der Kirchen. In meinen Augen sind sie vor allem Institutionen der Machtausübung über die Menschen und deshalb ist es richtig und notwendig, sie für alles Kritikwürdige auch zu kritisieren. Der Papst ist mir Wurscht und wenn jemand einen guten Witz über Jesus, Mohammed oder Jahwe macht, dann bin ich der letzte, der sich bemüßigt fühlt, nicht zu lachen oder sogar den Gutmenschen heraushängen lässt.

Die Grenze zwischen einem Witz und Satire auf der einen, und Respektlosigkeit auf der anderen Seite ist jedoch fließend. Ersteres muss immer möglich sein und hilft dabei, Menschen einen Spiegel vorzuhalten, die das Thema Religion vielleicht etwas zu ernst nehmen. Letzteres muss zwar auch möglich sein (da wären wir wieder beim Thema Meinungsfreiheit), ist in meinen Augen aber überflüssig. Muss ich wirklich bewusst und immer wieder Dinge sagen oder publizieren, von denen ich schon im Voraus weiß, dass sie die Gefühle vieler Menschen verletzen?

Die Titelbilder von Charlie Hebdo (und wahrscheinlich auch die Inhalte der Hefte) sind oft vulgär und dazu geeignet und gemacht, religiöse Gefühle zu verletzen. Es werden unter anderem Dinge gezeigt wie Vater, Sohn und heiliger Geist beim Analverkehr, oder ein Muslim, der, von Kugeln durchsiebt, einen Koran vor sich hält und sagt: „Der Koran ist scheiße – er hält noch nicht einmal Kugeln ab“.

Ich bin weder Christ, noch Jude, noch Muslim. Ich glaube nicht an die Lehren der Kirchen und es gibt unendlich viele Dinge, die ich sowohl an den Religionen als auch an den Institutionen der Kirchen kritisiere. Aber ich respektiere es, wenn jemand anderes an diese Lehren glaubt, genauso wie ich erwarte, dass mein Gegenüber mein Weltbild respektiert.

Eben an diesem Respekt mangelt es Charlie Hebdo in meinen Augen. Deshalb trauere ich um die Menschen, die zu Tode gekommen sind und fühle mit den Hinterbliebenen. Aber ich solidarisiere mich nicht mit dem Magazin als Institution. Nur, weil es Ziel eines Anschlags geworden ist, wird aus einem respektlosen Blatt keine Kunst.

Bin ich also auch Charlie Hebdo? Klare Antwort: Non, je ne suis pas Charlie!