Ostreise 4 – Der Weg nach Thorn

Aufstehen, Frühstück, dann mit dem Taxi zum Autohof, wo mich der Bus aufsammelt, der schon in den frühen Morgenstunden aufgebrochen ist. Auf der Fahrt dorthin kommt mir die Landschaft um mich herum seltsam vertraut vor. Irgendwie liegt ein Teil meiner Wurzeln auch hier in Brandenburg, denn mein Großvater und seine Familie stammen aus Cottbus.

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich sich verschiedene Orte anfühlen. Ich erinnere mich noch an einen Urlaub an der Ostsee auf der Halbinsel Darß/Zingst – die Energie dort war so gruselig, dass wir vor der Zeit wieder aufgebrochen und zurück nach Hause gefahren sind. Hier jedoch fühle ich mich zuhause …

Kurz bevor wir am Autohof ankommen sehe ich auf einem Kamin, alle Stereotypen erfüllend, einen Storch in seinem Nest. Ich kann mich nicht erinnern, wofür der Storch steht, aber ich nehme es als ein gutes Zeichen.

Der Bus ist fast auf die Minute pünktlich und die Gruppe erweist sich als ausgesprochen herzlich. Offensichtlich verbindet alle, dass sie auf dem Weg zu ihren Wurzeln in Ostpreußen sind. Dieses Band fühlt sich in der Tat uralt an … irgendwie sind wir innerhalb von Sekunden für die Dauer dieser Reise zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden.

Unser Weg führt uns in Richtung Frankfurt an der Oder und dort über die Grenze nach Polen. Die Autobahnen sind alle recht neu – sie wurden für die Fußball Europameisterschaft vor wenigen Jahren ausgebaut. Die polnische Landschaft ist eben wie ein Brett und entbehrt jeglicher Erhebungen. Viele Felder voller Strohballen, vereinzelte Maisfelder, die noch nicht abgeerntet wurden. Bei der brütenden Hitze sieht das ganze aus wie die Definition von „Erntezeit auf dem Land“.

Die Emotionen auf der Fahrt sind schwierig in Worte zu fassen. Es ist so, als ob sich mit jedem Kilometer eine Schicht eines Sedimentes von alten Erfahrugen und Überzeugungen löst und aufgewirbelt wird, um sich, nach einer kurzen Begutachtung durch mich, wieder zu setzen. Kleine Fragmente von Erinnerungen kommen hoch, die lange in meinem Unterbewusstsein geschlummert haben. Alles recht unspektakulär, aber doch irgendwie bemerkenswert.

Als wir am späteren Nachmittag in Thorn (polnisch Toruń) ankommen, sind wir müde, jedoch nicht müde genug, um auf eine Stadtführung zu verzichten. Anders als die meisten Städte, wurde Thorn im 2. Weltkrieg quasi nicht zerstört. Die Altstadt ist ein gotischer Traum mit Unmengen historischer Gebäude, unter anderem das Geburtshaus von Nikolaus Kopernikus. Unsere Stadtführerin erzählt mit völlig gerechtfertigter Begeisterung über die ehrwürdige Geschichte der ehemaligen Hansestadt. Wer in der Gegend ist, sollte keinesfalls darauf verzichten, ihr einen Besuch abzustatten.

Der Rest des Abends ist geruhsam und unspektaktulär: Abendessen und dann ins Bett. Morgen geht es dann weiter Richtung Elbing und über die Grenze in die Oblast Kaliningrad. Ich bin gespannt, wie die Einreise in die Russische Föderation vonstatten gehen wird. Das Visum, das ich inzwischen in meinem Pass kleben habe, sieht jedenfalls ziemlich ernst und nüchtern aus …

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