Die Botschaft an Garcia

Heute morgen hatte ich die Eingebung, einen Text, den ich schon seit vielen Jahren kenne und der mir aus dem Herzen spricht, hier zu posten. Er stammt aus dem Jahr 1899 und wurde von Elbert Hubbard „in einer einzigen Stunde niedergeschrieben“.

Der Text ist stellenweise auf eine Art und Weise verfasst, die wir heute vielleicht als krass, auf jeden Fall als nicht „politisch korrekt“ empfinden. Und denjenigen, die mit dem Gedanken spielen, mir im Anschluss einen Kommentar zu schreiben, dass der Text doch voller Negativität sei, möchte ich jetzt schon sagen: Ich sehe das nicht so. Für mich ist dieser Text ein flammender Aufruf, Verantwortung zu übernehmen für die Aufgaben die das Leben an uns stellt.

Manchmal bin ich selbst in der Rolle des Präsidenten, oft bin ich aber auch in Rowans Rolle. Beide Positionen sind entgegengesetzte Seiten der selben Medaille. Und beide braucht es, damit die Welt funktionieren kann. Das verbindende Prinzip dabei heißt „Verantwortung übernehmen“. Bedingungslos und ohne Kompromisse.

Die Botschaft an Garcia

Andrew S. Rowan
Andrew S. Rowan

Heraus aus den kubanischen Kriegswirren hebt sich am Horizont meines Gedächtnisses eines Mannes Name, strahlend wie Mars unter den Planeten. – Als der Krieg in zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten ausbrach, ergab sich die dringende Notwendigkeit, mit dem Leiter der Insurgenten, Garcia, so schnell als möglich in Verbindung zu treten. Er saß auf irgendeiner Bergfeste im Innern Kubas – niemand wusste wo. Keine Post, kein Telegraph konnte ihn erreichen; der Präsident aber musste sich seine Unterstützung sichern, und dies schnellstens. Was war zu tun?

Da erinnerte sich ein Berater des Präsidenten eines Mannes namens Rowan, der seiner Meinung nach einzig und allein imstande war, Garcia zu finden.

Man schickte nach Rowan und gab ihm einen Brief mit der Weisung, ihn an Garcia abzuliefern.

Wir wollen nicht ausführen, wie der „Mann namens Rowan“ den Brief nahm, ihn in Wachstuch einsiegelte, sich über das Herz band, nach vier Tagen im offenen Boot zur Nachtzeit an der Küste von Kuba landete, im Dickicht verschwand und nach drei Wochen auf der anderen Seite der Insel wieder auftauchte. Wir wollen uns nicht bei den Einzelheiten seiner Fußreise durch Feindesland und bei der Tatsache aufhalten, dass er den Brief richtig an Garcia ablieferte. Dies sind Dinge, die ich hier nicht zu erörtern beabsichtige. Der Hauptpunkt, auf den ich hinzuweisen wünsche, ist folgender: McKinley gab Rowan einen Brief an Garcia, Rowan nahm einfach den Brief und fragte nicht lang: „Wo ist Garcia?“

Wahrlich! Dieses Mannes Name sollte unvergessen bleiben, und seine Gestalt, gegossen in edler Bronze, sollte einen Ehrenplatz in jeder Schule und Hochschule des Landes einnehmen. Weder Bücherweisheit noch Belehrung über dieses und jenes ist es, was unseren jungen Leuten fehlt, sondern die Steife des Rückgrats. Haben sie die einmal, werden sie treu und zuverlässig ihre Pflichten erfüllen, augenblicklich handeln, ihre Energie konzentrieren, den Auftrag ausführen: „Bring diese Botschaft zu Garcia!“

General Garcia ist jetzt tot, aber es gibt noch andere Garcias. Jeder, der ein größeres Unternehmen angefangen hat, bei dem viele Hände zur Mitarbeit nötig sind, ist zuweilen nahezu entmutigt worden durch die Unbrauchbarkeit des Durchschnittsarbeiters – seine Unfähigkeit oder Abgeneigtheit, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Erzwungene Dienstwilligkeit, kindische Zerstreutheit, Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit und immer nur halb bei der Sache – das scheint die Regel zu sein. Niemand kann auf Erfolg rechnen, er zwinge denn andere durch Versprechungen oder Drohungen, ihm beizustehen, oder vielleicht tut Gott in seiner Güte ein Wunder und sendet ihm einen Engel des Lichts als Gehilfen.

Auch du, Leser, wirst erfahren haben, was ich sage: Du sitzt in deinem Geschäftszimmer – sechs Gehilfen sind im Nebenraum zur Hand. Rufe einen und gib ihm den Auftrag: „Bitte, nimm das Konversations-Lexikon und mache mir einen kurzen Auszug über das Leben Dürers.“ Wird der Gerufene einfach antworten: „Jawohl“ und an die Arbeit gehen?

O nein, gewiss nicht! Er wird dich anstarren und eine oder mehrere der folgenden Fragen an dich richten:

Was war er? –
Welches Konversations-Lexikon? –
Wo ist das Konversations-Lexikon? –
Bin ich dafür angestellt? –
Meinst du nicht vielleicht Bismarck? –
Könnte es ein andrer nicht besser tun? –
Ist er tot? –
Hat’s Eile? –
Soll ich dir nicht lieber das Buch bringen, damit du es selbst nachschlagen kannst? –
Wozu willst du das wissen? –

Und ich wette zehn gegen eins, nachdem du alle Fragen beantwortet hast, wie und wo die Auskunft zu finden ist und warum du es zu wissen wünscht, wird der Gehilfe hingehen, sich von einem seiner Kollegen helfen lassen – beim Versuche, Garcia zu finden – und darauf zurückkommen, um dir mitzuteilen, dass es einen solchen Mann überhaupt nicht gibt. – Es mag sein, dass ich meine Wette verliere, aber nach dem Gesetz der Mittelmäßigkeit muss ich gewinnen.

Bist du klug, so wirst du dich nicht lange damit ärgern, deinem Gehilfen zu erklären, dass Dürer unter D zu suchen ist und nicht unter T, sondern du wirst freundlich lächelnd danken und sagen: „Schon gut“ und hingehen, um dir die gewünschte Auskunft selbst zu holen.

Diese Unfähigkeit zu einer selbständigen Arbeit, diese Beschränktheit, diese Unsicherheit des Willens, diese Abneigung gegen ein schnelles Denken, Begreifen und Handeln sind es, die ein freudiges, reines Zusammenwirken zu einem Zukunftstraum machen. Wie will einer der Gesamtheit Nutzen bringen, wenn er nicht selbständig zu handeln versteht?

Nur die Angst vor der Entlassung am Sonnabendabend hält viele Arbeiter an ihren Plätzen.

Inseriere nach einem Sekretär, und neun von zehn, die sich melden, werden weder orthographisch noch grammatikalisch richtig schreiben können – und es nicht einmal für nötig erachten.

Ist ein solcher fähig, einen Brief an Garcia auch nur zu schreiben?

„Du siehst diesen Buchhalter dort“, sagte der Leiter einer großen Fabrik zu mir.

„Gewiss, was ist’s mit ihm?“

„Er ist ein vorzüglicher Rechner, aber wenn ich ihn mit einem Auftrag in die Stadt schicke, erledigt er denselben zuweilen pünktlich, jedoch ebenso oft wird er vor allem erst in vier verschiedene Wirtshäuser hineingucken und, wenn er glücklich bis zur Hauptstraße gelangt ist, vergessen haben, wozu er ausgesandt war.“ Kann man einem solchen Mann eine Botschaft an Garcia anvertrauen?

Wir haben in letzter Zeit viel sentimentales Mitgefühl zum Ausdruck bringen hören für den unterdrückten Arbeiter und den heimatlosen Wanderer, der nach ehrlicher Arbeit sucht, und nebenbei viel harte Worte gegen Arbeitgeber und Geschäftsleiter.  Doch geschwiegen hat man von dem Arbeitgeber, der vor der Zeit alt und grau wird über vergeblichen Versuchen, mürrische Nichtstuer zur Arbeit anzuhalten und über seinem langen, geduldigen Abmühen mit Gehilfen, die faulenzen, sobald er den Rücken wendet. In jedem Geschäft und in jeder Fabrik geht ein fortwährendes Ausjäten von Unkraut vor sich. Der Brotherr ist andauernd damit beschäftigt, Gehilfen fortzuschicken, die ihre Unfähigkeit bewiesen haben, den Interessen des Ganzen zu dienen, und andere dafür einzustellen. Die Zeiten mögen sein, wie sie wollen, dieses Sortieren dauert fort – – aber heraus, und zwar heraus für immer muss der Untaugliche und Unwürdige; nur der Tüchtige überdauert. Das eigene Interesse zwingt jeden Arbeitgeber, nur die Beste zu behalten – solche, denen er eine Botschaft an Garcia anvertrauen kann. Ich kenne einen Mann von geradezu glänzender Begabung, der aber nicht fähig ist, ein eigenes Geschäft zu betreiben und dabei absolut wertlos für jeden anderen, weil er beständig den zur fixen Idee ausgearteten Argwohn mit sich herumschleppt, dass sein Brotherr ihn unterdrückt oder zu unterdrücken beabsichtigt. Er kann keinerlei Anordnungen treffen und sich auch keinen fügen; würde man ihm eine Botschaft an Garcia übertragen, so würde er wahrscheinlich antworten: „Tu es doch selbst!“

Heute läuft der Mann arbeitsuchend durch die Straßen, und der Wind pfeift durch seinen zerrissenen Rock. Keiner, der ihn kennt, wagt ihn anzustellen, denn er ist ein wahrhafter Feuerbrand von Unzufriedenheit. Er ist unzugänglich und taub gegen alle Vorstellungen, und selbst das Schicksal hat es nicht vermocht, ihn zur Einsicht zu bringen.

Gewiss muss man einen solchen moralischen Krüppel ebenso bemitleiden wie einen physischen, aber in unser Mitleid lasst uns auch den einschließen, der sich abmüht, ein großes Unternehmen durchzuführen, dessen Arbeitszeit nicht durch die Fabrikpfeife begrenzt ist und dessen Haare schnell ergrauen im Kampf gegen Gleichgültigkeit, Geistesschwäche und herzlose Undankbarkeit solcher, die nicht einsehen wollen, dass sie ohne ihn hungrig und heimatlos sein würden.

Habe ich mit zu starken Farben aufgetragen? Vielleicht habe ich es getan.

Zum Schluss möchte ich noch ein Wort der Teilnahme reden – dem Mann des Erfolgs, dem Mann, der allen Widerwärtigkeiten zum Trotz die Kräfte anderer geleitet hat, den Erfolg krönte und der am Ende doch einsah, dass er nur ein Nichts errungen.

Ich habe den Kittel getragen und für Tagelohn gearbeitet, und ich bin ebenso Arbeitgeber gewesen; ich weiß, dass man beiden Seiten gerecht werden muss. Armut hat keine besonderen Vorzüge, Lumpen sind keine Empfehlung, und nicht alle Brotherren sind hochfahrend und Leuteschinder, ebenso wie nicht jeder arme Mann an sich brav ist.

Meine Anerkennung gilt dem Mann, der seiner Arbeit in Pflichttreue nachgeht, gleichviel ob sein Herr in der Nähe ist oder nicht. Und der Mann, dem ein Brief an Garcia übergeben wird, der das Schreiben ruhig nimmt, ohne dumme Fragen zu stellen und ohne die heimtückische Absicht, es in die nächste Gosse zu werfen oder sonst etwas damit zu tun, und es abgibt, wird niemals aus Brot und Lohn entlassen und wird niemals nötig haben, um höherer Bezahlung willen zu „streiken“! Die Menschheit ist auf ängstlicher Suche nach eben solchen treuen Mitarbeitern. Jede Forderung, die ein solcher Mann stellt, sollte bewilligt werden. Man braucht ihn in jeder Stadt, jedem Flecken und jedem Dorf – in jeder Werkstatt, jedem Laden und jeder Fabrik. Die Welt schreit nach ihm, sie braucht ihn, sie braucht ihn nötig – den Mann, der eine Botschaft an Garcia bringen kann.

Elbert Hubbard

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